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Probleme bei der diagnose und therapie des glaukoms

Research paper by Wolfgang Leydhecker

Indexed on: 01 Jan '56Published on: 01 Jan '56Published in: Documenta Ophthalmologica



Abstract

Die Elektro-Tonographie ist eine wertvolle Bereicherung unserer Untersuchungsmethoden bei Glaukom und Glaukomverdacht. Ein pathologisches Ergebnis der Tonographie bei Benutzung des Grant'schen Auswertungsschemas bedeutet mit größter Wahrscheinlichkeit auch dann “beginnendes Glaukom”, wenn sonst das Auge klinisch noch normal ist. Erhöhter Abflußwiderstand ist also oft das erste Zeichen von Glaukom. Deshalb ist die Tonographie zur Frühdiagnose hervorragend geeignet. Sie ist oft ein empfindlicheres und schonenderes Verfahren als Belastungsproben. Das Ergebnis der Tonographie kann nach der physiologischen Seite hin verfälscht werden durch die Nachdehnung der Bulbushüllen. Diese Verfälschung kann man verringern, indem man bei einer 5 Minuten dauernden Tonographie die erste Minute bei der Auswertung wegläßt und nur die letzten 4 Minuten bewertet. Der Abfluß-Koeffizient C schwankt am gleichen Auge bei gleicher Tension an verschiedenen Tagen und ändert sich während der 5 Minuten einer Tonographie nicht gleichmäßig, wenn man jede Minute einzeln berechnet. Es wird vorgeschlagen, die Tonographie mit verschiedenen Gewichten am gleichen Auge als “Differential-Tonographie” und den Quotienten P0 : C als “Abflußwert” zu bezeichnen.Bei stationär aufgenommenen Kranken mit Glaukom fanden wir oft nach dem Aufstehen ein Absinken der Tension um 4–6 mm Hg. Deshalb halten wir es für zweckmäßig, die Tension morgens im Bett zu messen, ehe der Kranke aufgestanden ist. Bei Untersuchung von 78 Kranken mit Glaukom nach perforierender Verletzung oder Prellung fanden wir bei 30 von ihnen Glaukom auch am unverletzten Auge. Bei 7 von ihnen konnten wir nachweisen, daß das Glaukom an beiden Augen primär war, bei den übrigen nehmen wir oft eine Anlage zu Glaukom an, obgleich die Verletzungfolgen das Glaukom zu erklären scheinen. Man sollte Kranke mit Glaukom nach Verletzung noch viele Jahre lang unter ambulanter Kontrolle behalten weil sich am verletzten Auge oft erst sehr spät Glaukom entwickelt oder bei (scheinbarem) Sekundärglaukom eines Auges später am unverletzten Auge Glaukom entsteht.Bei Thrombose der Retinavenen fanden wir sehr häufig Glaucoma simplex. Der internistische Befund bei Kranken mit Glaukom ohne Thrombose und bei Kranken mit Venenthrombose und Glaukom ergab im annähernd gleichen Prozentsatz der von uns untersuchten Kranken eine Gefäß-Sklerose. Wir halten dies für einen Hinweis, daß die Sklerose die gemeinsame Ursache von Glaukom und Thrombose sein könnte. Kranke mit Venenthrombose der Retina sollte man in regelmäßigen Zeitabständen zur Tonometrie nachbestellen, da sich oft bei ihnen später ein Glaucoma simplex entwickelt, das auch an dem Auge ohne Thrombose entsteht. Bei 7% unserer auf Glaukom zunächst nicht verdächtigen Poliklinikspatienten fanden wir Glaukom. Deshalb schlagen wir vor, jeden Kranken, der in die Sprechstunde kommt, zu tonometrieren. Nicht selten beginnt Glaukom schon nach dem 20. Lebensjahr.Bei Glaukom und Star kann man bis zu einer Tension von 45 mm Hg primär die Staroperation ausführen. War die Tension höher, so bewährte sich bei unseren Kranken die Cyclodialyse vor der Staroperation besser als fistelbildende Eingriffe.Die Nachtmessung der Tension bei Augen, die tagsüber unter Miotica druckreguliert waren, veranlaßte uns nur in 2–4 von 314 Fällen, die Therapie zu ändern und hatte also, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, keinen großen Wert.Wir verlängerten die Dauer, während der ein Glaukomkranker bei stationärer Einstellung mit Medikamenten unter seinem Entlassungs-Mioticum in der Klinik tonometriert wird, auf 7 Tage, da die bisher bei uns üblichen 5 Tage nicht ausreichten. Oft erkennt man erst am 5. - 7. Tag, daß die Therapie ungenügend ist. Die Zeit, während der hiernach das Entlassungsmedikament zur Druckregulierung ausreicht, ist allerdings nicht wesentlich länger als bei nur 5 Tage lang stationär druckregulierten Kranken. Mit Hilfe der Trinkprobe kann man bei stationärer Einstellung der Tension einen Anhalt dafür gewinnen, ob die Therapie für die nächsten 3–6 Monate ausreicht. Aus klinischer Beobachtung wie aus physiologisch-chemischen Untersuchungen mit der manometrischen Methode nach Warburg ergibt sich, daß die gleichzeitige Anwendung von Prostigmin (das die Cholinesterase reversibel hemmt) und Mintacol (das die Cholinesterase irreversibel zerstört) kein Fehler zu sein braucht.Auf die neuen Eichmethoden und die Herstellung besserer Tonometer wird hingewiesen. Schließlich wird der Text eines neuen Merkblattes für Glaukomkranke mitgeteilt.