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Physiotherapie in der Praxis: Ohne Theorie geht es nicht

Research paper by Oostendorp, Rob A.B., Samwel, H.

Indexed on: 13 May '16Published on: 17 Dec '15Published in: manuelletherapie



Abstract

Patienten mit (chronischen) Schmerzen befolgen häufig nur unzureichend Anweisungen, die darauf abzielen, dass sie (weiter) ihre Übungen machen und körperlich aktiv bleiben oder aktiver werden. Dies kann eine negative Wirkung auf die Behandlungseffektivität haben. Bis heute findet sich in der Fachliteratur keine überzeugende Erklärung für dieses unzureichende Befolgen von Behandlungsanweisungen.Dieser Artikel sucht eine mögliche theoretische Erklärung in der kognitiven Dissonanztheorie. Sie zeigt, dass die Kommunikation zwischen Physiotherapeuten und Patienten zu fortbestehenden Beschwerden führen kann. Viele Patienten mit chronischen Schmerzen haben Angst vor Schmerzen und neigen dazu, schmerzauslösende Übungen und Aktivitäten zu vermeiden. Das bedeutet, sie vernachlässigen auch schmerzauslösende Anweisungen zu Übungen, die sie außerhalb der Behandlungssitzungen durchführen sollen. Im Kontakt mit den Physiotherapeuten suchen sie nach Signalen, die es ihnen erlauben, das Vermeiden von Übungen und körperlichen Aktivitäten zu legitimieren.Physiotherapeuten haben häufig selbst mehr oder weniger Angst davor, bei ihren Patienten Schmerzen auszulösen. Daher geben sie in der Kommunikation mit den Patienten – oft unbewusst – ihre Angstkognitionen in Form von verbalen, para- und nonverbalen Signalen an diese weiter. Die Patienten interpretieren sie dann wiederum als Legitimierung für ihr Vermeidungsverhalten. Dies geschieht z. B., indem die Physiotherapeuten einfühlend auf eine Schmerzzunahme reagieren und diese Reaktionen als empathisch und damit therapeutisch sinnvoll und gerechtfertigt interpretieren. Die Patienten dagegen sehen in ihnen eine Bestätigung ihrer eigenen Angst vor Schmerzen und damit eine Rechtfertigung für ihr Vermeidungsverhalten. Das Zusammenwirken und Verstärken der Angstkognitionen von Therapeuten und Patienten wird als iatrogene Symbiose bezeichnet.Die Vermeidung einer solchen iatrogenen Symbiose und damit einhergehend die Verbesserung der Bereitschaft der Patienten, sich an Anweisungen zu halten, lässt sich durch konsequentes verbales als auch para- und/oder nonverbales Ignorieren von Schmerzsignalen der Patienten vermeiden. Im Kontext des Verhältnisses zwischen Therapeuten und Patienten muss „empathisches Handeln“ deshalb als professionelle Fähigkeit zu handeln im Einklang mit langfristigen Behandlungszielen definiert werden. Auf diese Weise kann das Erkennen einer möglichen iatrogenen Symbiose als „Sprungbrett“ zu einem optimalen Behandlungsergebnis dienen.