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Pathogenese der interstitiellen Zystitis – viele Hypothesen, aber Entstehung weiter unklar

Research paper by O.A. Brinkmann, L. Hertle

Indexed on: 01 Nov '00Published on: 01 Nov '00Published in: Der Urologe. Ausg. A



Abstract

Darstellung pathogenetischer Aspekte der interstitiellen Zystitis (IC) anhand der aktuell verfügbaren Literatur unter Berücksichtigung der Kriterien Evidenz-basierter Medizin (EBM).346 Artikel der letzten 30 Jahre (peer-reviewed, zurückgehend bis 1969) wurden in einer MEDLINE-Recherche mittels der Stichworte “interstitial cystitis“ und “pathogenesis” oder “etiology” identifiziert. Darüber hinaus wurden Lehrbücher und Monographien zum Thema der Pathogenese bzw. der Ätiologie der IC mit Schwerpunkt auf dem histologischen Erscheinungsbild bzw. der Entzündung i. Allg. studiert. Nachfolgend wurden alle Arbeiten in Themengruppen untergliedert und ausgewertet.Nahezu alle Schritte der gesetzmäßigen Reaktion des Gefäßbindegewebes auf einen entzündlichen Reiz hin werden als möglicher Auslöser der IC-Entstehung angeführt. Bei einer “nur klinisch” definierten Erkrankung versagen die Techniken der Evidenzbasierten Medizin, weil Voraussetzungen zur statistischen Erfassung und Analyse nicht greifen.In der Regel enthalten die Publikationen zu diesem Thema keine Kontrollgruppe Gesunder bzw. an einer bakteriellen oder radiogenen Zystitis erkrankter Patienten. Hinzu kommt, dass die klinischen Kriterien zur Diagnosestellung der IC nicht allgemein akzeptiert sind. Bisher hat keine Arbeitsgruppe ein allgemein anerkanntes Tiermodell entwickeln können, in dem eine IC natürlicherweise entsteht oder induzierbar ist. Geradezu inflationär ist der Umgang mit dem Begriff der Pathogenese bzw. der Ätiologie der IC. 346/683 IC-Arbeiten (50,7%) verwenden diese Begriffe in ihrem Abstrakt. Ein seriöserer Umgang mit den Begriffen Ätiologie/Pathogenese wird daher dringend empfohlen.Keiner der dargestellten Faktoren hat in den Untersuchungen zeigen können, alleinige oder dominierende Ursache für die “IC” zu sein. Auch wenn einige der Faktoren eher Teil des Zirculus vitiosus sind als ihn zu initiieren, können für therapeutische Überlegungen zur Unterbrechung der Entzündungsreaktion genutzt werden.Für jeden der dargestellten Faktoren, gibt es nahezu gleich viele Arbeiten, die seine Bedeutung unterstreichen bzw. die Bedeutung in Frage stellen oder ganz ablehnen. Das Zugrundelegen des pathologisch-anatomischen Modells der (chronischen) Entzündung ermöglicht es, die z. T. widersprüchlichen Meinungen zu integrieren und hoffen Perspektiven für zukünftige Forschungsansätze zu finden. Ein Fortschritt im Verständnis dieser Erkrankung erscheint nur möglich, wenn unter Verwendung objektiv nachvollziehbarer Kriterien IC-Patienten in Untergruppen aufgeteilt werden können. Diese Untergruppen stellen die Voraussetzung für eine differenzierte Untersuchung der Genese wie auch der Therapiestrategien voraus.