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“Das Netz des ausgebreiteten taktes”

Research paper by Ernő Kulcsár Szabó

Indexed on: 01 Sep '02Published on: 01 Sep '02Published in: Neohelicon



Abstract

Attila Józsefs Lyrik erfuhr im Zuge der erstaunlich schnellen Kanonisierung eine recht zwiespältige Rezeption: Während eine beträchtliche Anzahl seiner Werke bereits seit Jahrzehnten zu den relevantesten der ungarischen Moderne gehört, blieb in der referentiell-anthropologisierenden Lesart dieser Rezeption gerade diejenige poetologische Leistung seiner Texte ausgeblendet, die die ganze spätmoderne Lyrik am tiefsten beeinflußt hat. So eigenartig es auch scheinen mag: Unser Wissen über die Poetik des am stärksten kanonisierten Klassikers der ungarischen Moderne ist, was die diskursiven Möglichkeiten der zeitgenössischen Literaturwissenschaft angeht, ebenso fraglich, wie das über den sprachlichen Hintergrund seiner textgenerierenden Prinzipien oder über die rhetorischen Prämissen seiner Bildgestaltung. Wenn aber das Rollenparadigma in [Ich bin ein Dichter] unvereinbar ist mit dem in Ars poetica, wenn das Menschenbild von Thomas Mann zum Gruß dem in Besinnung diametral entgegensteht, wenn die Sprachauffassung in Am Rand der Stadt die in Künstler und sein Kreis ausschließt, dann unterstützt diese Erfahrung sehr nachdrücklich die Beobachtung von István Vas, daß von den Illusionen des geordneten Wissens her gesehen Attila József vermutlich “der am meisten mißverstandene ungarische Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts war”. Im Beitrag wird der Versuch unternommen, die wichtigsten rhetorischen Verfahren und tropologischen Techniken einer Lyrik zu erschließen, die die darauffolgende dichtungsgeschichtliche Periode am stärksten prägte, wobei das Augenmerk gelegentlich auf bislang weniger beachtete Texte von A. József gerichtet wird, die – längerfristig gesehen – sogar die metaphysischen Zwänge der bedeutungszentrierten Kanonbildung schlechthin revidieren können.