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Anästhesieverfahren – Auswirkungen auf die postoperative Phase

Research paper by B. Zwissler

Indexed on: 01 Oct '97Published on: 01 Oct '97Published in: Der Anaesthesist



Abstract

Die perioperative Morbidität und Mortalität wird wesentlich von der Art und Dauer des operativen Eingriffs sowie dem präoperativen Gesundheitszustand des Patienten beeinflußt. Allerdings führt auch die Anästhesie per se zu eingreifenden physiologischen Veränderungen. Diese Veränderungen können erwünscht (z.B. Analgesie, Vasodilatation nach Gefäßeingriffen) bzw. unerwünscht (z.B. Hypothermie, Atemdepression) sein und je nach verwendeter Anästhesietechnik (z.B. Allgemeinanästhesie, Lokalanästhesie) bzw. den verwendeten Pharmaka differieren.Gemeinsam ist jedoch allen Anästhesieverfahren, daß ihre Wirkungen nicht mit dem akuten Eingriff enden, sondern vielfach bis weit in die postoperative Phase andauern. Es hat daher in der Vergangenheit nicht an Versuchen gefehlt, einzelne Verfahren hinsichtlich der Inzidenz postoperativ auftretender Komplikationen zu vergleichen. Wenngleich sich das Nebenwirkungsspektrum bei Verwendung unterschiedlicher Techniken unterschied, so konnten doch bis heute für kein Verfahren– selbst bei Risikopatienten –eindeutige Vorteile im Sinne einer reduzierten Mortalität bzw. einer Verminderung schwerwiegender Komplikationen belegt werden. Drei Gründe dürften hierbei eine Rolle spielen: 1) Anästhesiebedingte Nebenwirkungen bzw. Komplikationen werden heute dank eines erweiterten technischen Monitorings sowie einer engmaschigen postoperativen Überwachung (Aufwachraum) frühzeitig erkannt und behandelt. 2) Die anästhesiebedingte Mortalität ist insgesamt so gering, daß zum Nachweis statistisch signifikanter Unterschiede zwischen einzelnen Verfahren unrealistisch hohe Patientenzahlen benötigt werden. 3) Neben den verwendeten Anästhesieverfahren tragen eine Vielzahl weiterer Faktoren zur anästhesiebedingten Morbidität und Mortalität bei (u.a. der Faktor Mensch), deren relativer Einfluß nur schwer quantifizierbar ist. Die Tatsache, daß eindeutige Vorteile für das eine oder andere Verfahren aus den o.g. Gründen bislang nicht nachgewiesen wurden, darf allerdings keinem ‚anästhesiologischen Nihilismus’ Vorschub leisten. Vielmehr wird es bei einzelnen Patienten gute Gründe geben (z.B. Fehlen eines Aufwachraums), ein bestimmtes Verfahren (oder Medikament) gegenüber dem anderen zu bevorzugen und so das individuelle Narkoserisiko zu senken. Inwieweit der gezielte Einsatz einer spezifischen Technik – etwa der rückenmarknahen Regionalanästhesie – dazu beitragen kann, die Inzidenz chirurgischer Komplikationen in der postoperativen Phase zu reduzieren (z.B. Reokklusionsrate nach peripheren Gefäßeingriffen), ist derzeit Gegenstand klinischer Studien.